Die Hochzeitsmaschinerie

Vorab muss ich hier anmerken, dass die folgenden Zeilen ein Bericht aus zweiter Hand sind. Ich war nicht dabei und gebe wieder, was Jürgen mir berichtet hat.
Angefangen hat es damit, dass Jürgen, wie alle seine Kollegen, eine Einladung zur Hochzeit einer Kollegin bekam. Anscheinend ist es üblich, alle Kollegen einzuladen. Je mehr Gäste - desto mehr Geldgeschenke. Sehr kurzfristig kam die Einladung, nur ein paar Tage vorher und ich wunderte mich, wie das wohl organisatorisch gemeistert wird, weil keine Antwort über Teilnahme oder Nichtteilnahme erwartet wurde. Und das Wundern nahm kein Ende. Waren doch der Einladung Fotos des Brautpaares beigefügt. Das an sich ist ja noch nicht weiter verwunderlich, aber das Paar hatte bereits die Hochzeitskleidung an. Solche romantischen Verirrungen wie „Der Bräutigam darf das Brautkleid auf keinen Fall vorher sehen“ kennt man in Korea also nicht.
Eine Hochzeit in Korea hat absolut nichts mit Romantik und ausgelassenem Feiern zu tun. Es ist ein gesellschaftliches und vor allem ein kommerzielles Ereignis, dem sich inzwischen ein ganzer Industriezweig widmet. Und weil ich das schon wusste, habe ich Jürgen zu diesem Event nicht begleitet.
Eine Hochzeit findet in einer sogenannten Wedding Hall statt. Man sucht sich die aus, die den gewünschten Rahmen bietet und die man sich leisten kann, und mietet sich dann – gewöhnlich für 2 Stunden – ein.
Die geladenen Gäste melden sich an der Rezeption an, tragen sich ins Gästebuch ein und stecken ihr Geldgeschenk (etwas Anderes wird nicht erwartet) in einen der bereitliegenden Umschläge, den sie auch mit ihrem Namen versehen. Erst danach erhält man einen Coupon für´s Essen, sonst könnte ja jeder kommen.
Dann findet im Festsaal die Zeremonie statt (was da so abgeht, müssen wir noch herausfinden, denn Jürgen hat erwartungsgemäß nichts verstanden), es werden Fotos gemacht und dann gibt es Essen und Trinken. Bei dieser Hochzeit gab es ein Buffet. Die Verköstigung der Gäste hängt stark davon ab, was in die Feier investiert wird, also vom sozialen Status des Hochzeitspaares. Aber man möchte sich beeilen (einige der Gäste sind dann auch schon während der Zeremonie zum Essen gegangen), denn nach zwei Stunden will die nächste Gesellschaft in den Saal.
Und das war die ganze Hochzeit, da wird nicht an anderer Stelle weitergefeiert. Ist doch traurig, oder ? Ich habe mich jedenfalls nicht geärgert, dass ich nicht dabei war und Jürgen hat auch gemeint, dass es reicht, bei
einer koreanischen Hochzeit dabei gewesen zu sein.

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Kommentare: 2
  • #1

    Sabine (Dienstag, 14 Februar 2012 04:42)

    Ist schon traurig, aber andere Länder, andere Sitten. Es scheint in Südkorea auch nicht so viel Wert auf Traditionen gelegt zu werden. Ich denke mir, das war in Japan schon ein wenig anders.

  • #2

    Hans (Mittwoch, 22 Februar 2012 04:50)

    Naechstes mal sorge ich dafür, dass Du auch explizit eingeladen wirst ;-)